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COPD – Weaning

Artikel aus der Zeitschrift Patienten-Bibliothek / COPD in Deutschland – Winter 2017
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Weaning
Kämpfen lohnt sich!

01_2-Bild1_5FullSizeRender-2-225x300 COPD - WeaningDie 70 jährige Patientin Ursula Becker (Name von der Redaktion geändert) ist verheiratet und Mutter einer
Tochter. Früher hat sie viel geraucht.Im Jahr 2015 erfuhr die ehemalige Näherin, dass sie an einer schweren COPD mit Lungenemphysem erkrankt ist. Noch am Tag der Diagnose habe sie aufgehört zu rauchen, erklärt Ursula Bekker. Die Erkrankung war allerdings bereits soweit fortgeschritten, dass sie Tag und Nacht Sauerstoff benötigte, um im alltäglichen Leben zurechtzukommen. Sie bezeichnet sich selber als „etwas kräftig“ und berichtet, dass sie, seitdem sie so zugenommen habe, auch vermehrt an Rückenschmerzen leide, die nur durch starke Schmerzmittel in den Griff zu bekommen seien.

Basisinformation
Bei einer invasiven Beatmung wird ein direkter Zugang zur Luftröhre ermöglicht. Dies kann über einen
Luftröhrenschnitt durch das Legen einer sogenannten Trachealkanüle oder über den Rachen durch das Einführen des sogenannten Endotrachealtubus, eines Schlauches – bei bei einer Narkose während einer
Operation – erfolgen. Bei einer nicht-invasiven Beatmung ist das Beatmungsgerät immer mit einem sogenannten Interface, einer Maske auf dem Gesicht, gekoppelt. Sowohl bei der invasiven als auch bei der
nicht-invasiven Beatmung wird durch das Beatmungsgerät ein Überdruck aufgebaut – ein ähnliches
Prinzip wie bei einer Luftpumpe – mit dessen Hilfe die Luft über die Nase, den Mund, bis in die tiefen Atemwege zum Patienten gelangt.
Sprechen wir von Weaning, meinen wir die Entwöhnung von der invasiven Beatmungsform.

Ein schwerer Infekt
Im Januar 2017 hatte sich Ursula Becker vermutlich bei ihrem Enkelkind angesteckt. Mit der Symptomatik Atemnot, Husten sowie gelbem Auswurf wurde sie notfallmäßig vom Rettungsdienst in das Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg gebracht. Dort stellten die Ärzte einen schweren Infekt fest. Aufgrund der ausgeprägten Angst erhielt sie Beruhigungsmittel. Zusätzlich erhielt sie zur Linderung der Rückenschmerzen starke morphinhaltige Medikamente.

Das Herz steht still
Am fünften Tag des Krankenhausaufenthaltes kam es zu einem Herzkreislaufstillstand, woraufhin Ursula Becker intubiert und reanimiert werden musste. Es dauerte circa 30 Minuten, bis das Herz-Kreislaufsystem stabilisiert werden konnte. Auf der Intensivstation wurde die Patientin ins
künstliche Koma gelegt und benötigte kreislaufunterstützende Medikamente. Aufgrund der Grunderkrankung war abzusehen, dass sich die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine schwierig gestalten würde. Daraufhin erhielt sie einen Luftröhrenschnitt, eine sogenannte Tracheotomie.
Sie litt an immer wiederkehrenden Lungenentzündungen. Es kam zu einer Entzündung über den zentralen Venenkatheter, über den die kreislaufunterstützenden Medikamente verabreicht wurden. Die 70-Jährige erhielt viele verschiedene Antibiotika. Zusätzlich kam es zu einer
Blutarmut, weswegen sie Blutkonserven erhielt. Nach insgesamt weiteren sechs Wochen hatte sich der Gesundheitszustand derart stabilisiert, dass der Großteil der Medikamente abgesetzt werden konnte. Daraufhin wurde Ursula Becker wacher und es gelang ihr, wenige Minuten tagsüber selber zu atmen.

Weaning als Aufgabe
Nach insgesamt acht Wochen erfolgte dann die Übernahme in das Zentrum für Beatmungsmedizin. „Als ich die Vorgeschichte zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich, dass die Entwöhnung eine Herausforderung wird. Solche Verläufe erleben wir jedoch immer wieder“, sagt Marcel Posselt, Atmungstherapeut.

Bei der Aufnahme zeigte die Analyse der Blutgase (BGA), dass sich noch zu viel Kohlendioxid im Körper der Patientin befand. Daraufhin wurden Beatmungsmodus, die Beatmungsdrücke sowie die Beatmungszeiten optimiert. Erst nachdem sich die Blutgase normalisiert hatten, führten die Therapeuten und Ärzte erste Spontanatemversuche durch.

Ursula Becker konnte immer länger am Stück und immer häufiger im Tagesverlauf selbstständig atmen. Während der Spontanatemversuche wurde der Kohlendioxidgehalt über einen Sensor auf der Haut beobachtet (transkutane CO2-Messung). Zuletzt schaffte die motivierte Patientin vier Stunden Spontanatmung am Stück. Bedauerlicherweise kam es durch eine hohe Sekretlast zu einer weiteren Lungenentzündung. Das Sekret wurde regelmäßig abgesaugt, teilweise sogar im Rahmen von Lungenspiegelungen (Bronchoskopien). „Nachdem ich so tolle Fortschritte gemacht hatte, hatte ich wirklich Sorge, dass dieser Rückschlag mich wieder auf Null zurückwerfen würde“, sagte Ursula Becker.

 

Bewegung tut gut
An diesem Tiefpunkt holten die Behandler Psychologen mit ins therapeutische Boot. Intensive Gespräche, aber auch Medikamente, halfen dabei, die Stimmung wieder zu verbessern. Die Patientin erhielt zusätzlich durchgehend eine intensive Sprach-, Ergo- sowie Physiotherapie. „Gerade wenn die Stimmung schlecht war, half die Mobilisation aus dem Bett. Es war erstaunlich, mit welcher Kraft Frau Becker bereit war, zu kämpfen. Zuletzt
konnte sie auf Stationsebene am Rollator laufen“, rekapituliert Physiotherapeutin Carolin Meier die bemerkenswerte Situation.

01_2-Bild1_5FullSizeRender-2-225x300 COPD - WeaningSelbstständig atmen
Mitte April 2017, nach insgesamt drei Monaten, war Ursula Becker in der Lage, tagsüber selbstständig zu atmen. Die Beatmungszeiten betrugen nur noch maximal zwölf Stunden. Zunehmend rückte der Zeitpunkt einer möglichen Dekanülierung näher. Vorher musste jedoch noch abgeklärt werden, dass der Schluckakt ungestört abläuft. Dies geschah im Rahmen einer sogenannten fieberoptischen endoskopischen Evaluation des Schluckaktes (FEES) im Beisein einer Logopädin. Die Schluckuntersuchung war erfreulicherweise vollkommen unauffällig, so dass die 70-Jährige tatsächlich dekanülisiert werden konnte.

Lohnenswerter Kampf
„Bei der Vorgeschichte von Ursula Becker war es abzusehen, dass sie eine Atemunterstützung benötigen wird. Wenn wir uns nicht sicher sind, dass die Umstellung von einer invasiven auf eine nicht-invasive Beatmungsform gelingen wird, gehen wir den Umweg über einen sogenannten Platzhalter“, so Chefarzt Dr. Abdel-Hakim Bayarassou. Nach Anlage eines solchen Platzhalters erfolgte die Beatmung über eine Maske. Ursula Becker kam hervorragend – zu ihrer eigenen Überraschung – mit der nicht-invasiven Beatmung über eine Mund-Nasen-Maske zurecht. Der Platzhalter konnte zeitnah entfernt werden. Nach wenigen Tagen war das vor mittlerweile fünf Monaten angelegte Tracheostoma tatsächlich verschlossen. „Ich hatte so große Angst vor diesem letzten Schritt, da ich mir erst nicht vorstellen konnte, über eine Maske zu atmen. Doch es lohnt sich zu kämpfen“, sagt die 70-jährige Patientin heute.

 

01_2-Bild1_5FullSizeRender-2-225x300 COPD - WeaningDr. Abdel-Hakim Bayarassou,
Chefarzt Carolin Meier, Physotherapeutin Marcel Posselt, Atmungstherapeut Klinik für Pneumologie, Kardiologie, Schlaf und Beatmungsmedizin Zentrum für Beatmungsmedizin Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg Hinweis: Zweitpublikation mit freundlicher Genehmigung. Zeitschrift „beatmet leben – Perspektiven zur außerklinischen Beatmung und Intensivpflege, 4/2017, siehe auch www.beatmetleben.de

 

 

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