Heilstollentherapie

Klimatherapeutisches Naturheilverfahren als ergänzende Maßnahme

Heilstollentherapie oder Speläotherapie ist ein klimatherapeutisches Naturheilverfahren mit langer Tradition – zumindest in Osteuropa und Asien. In Deutschland wurde das Verfahren erst nach dem zweiten Weltkrieg systematisch therapeutisch eingesetzt. Die Kluterthöhle in Ennepetal schützte die Einwohner während der Bombenangriffe. Asthmakranke, die in der Höhle Zuflucht suchten, fielen die positiven Wirkungen der Höhlenluft auf. Dieser Erfahrungen wurden bereits wenige Jahre nach Kriegsende für Therapiezwecke genutzt. Es entstanden Therapiestationen für Asthmatiker, Bronchitisgeplagte und Kinder mit Keuchhusten.

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Teilnehmer einer Liegekur im Heilstollen der Grube Bindewald, Gebhardshain

Auch heute suchen Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen Linderung ihrer Beschwerden in Naturhöhlen und Therapiestationen in ehemaligen Bergwerken, so zum Beispiel im Heilstollen der Grube Bindweide in Gebhardshain, den ich ärztlich betreue. Eine der Teilnehmerinnen z. B. leidet seit 5 Jahren an COPD, Stadium GOLD III. Sie kann kaum einen Satz sprechen, ohne in Luftnot zu geraten. Die Treppe zu ihrer Wohnung ist nur in Etappen zu bewältigen. Schon bei der ersten Einfahrt in den Stollen berichtet sie, dass sie eine Erleichterung verspürt. 3 Wochen lang kommt sie regelmäßig für 2 Stunden pro Tag zur Liegekur. Schon am 3. Tag schläft sie während der Therapiestunde ein. Auch zu Hause kann sie erstmals seit vielen Jahren wieder durchschlafen. Sie wird zusehends lebendiger, redet, ohne dauernd nach Luft zu ringen.

In jeder Therapiestunde werden die Teilnehmer fachkundig im richtigen Atmen angeleitet. Während der Liegekur setzen die Patienten die Atemtechniken bewusst ein, Lockerungsübungen zu Beginn und Aufwärmübungen am Ende runden die Therapie ab.

Heilstollentherapeutische Einrichtungen

Das Gemeinsame von Einrichtungen der Heilstollentherapie ist der Aufenthalt in natürlichen Höhlen oder (meist stillgelegten) Bergwerken. Die Luft unter Tage ist frei von Allergenen, Pollen und hat einen wesentlich geringeren Grob- und Feinstaubgehalt als über Tage. Und es ist still in der Abgeschiedenheit innerhalb des Berges. Darüber hinaus unterscheiden sich die therapeutischen Einflussfaktoren der Heilstollen:

Klassische Heilstollen
Zehn Heilstollen haben sich zum Deutschen Heilstollenverband zusammengeschlossen. Sie garantieren unter anderem ein beständiges, definiertes Höhlenklima mit Richtwerten für die Staub- und Reizgasbelastung. Die Raumtemperatur liegt zwischen 5° und 12° C, die Luftfeuchtigkeit über 85 %. Die Grobstaubbelastung liegt unter 8,5 µg/m³, die Feinstaubbelastung unter 6 µg/m³.  Zum Vergleich: Auf dem Schauinsland im Schwarzwald (einer Hintergrundsmessstelle des Umweltbundesamtes) lag der Jahresmittelwert für Feinstaub bei 7-9 µg/m³, für Grobstaub bei 10-25 µg/m³.

Salzheilstollen
In Berchtesgaden findet die Heilstollentherapie in einem abgetrennten Abbaubereich des Salzbergwerks statt. Hier liegt der wesentliche Therapiefaktor im Salzgehalt der Atemluft.

Radonhaltige Heilstollen
Die bekanntesten radonhaltigen Heilstollen im deutschsprachigen Raum sind in Bad Gastein (Österreich) und Bad Kreuznach (Deutschland). Das radioaktive Gas Radon wird besonders zur Behandlung von rheumatischen Erkrankungen eingesetzt.

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Das Fein- und Grobstaubvorkommen und die Reizgasmenge in einem Heilstollen sind so gering, dass sie sogar weit under den Werten liegen, die in Luftkurorten über Tage gemessen werden.

Wie wirkt sich das Heilstollenklima auf die Atemwege aus?

Das Klima unter Tage zeichnet sich durch Eigenschaften aus, die einen therapeutischen Einfluss auf die Atemwege haben.

Luftschadstoffe wie Ozon, Stickstoffdioxide und Schwebstäube gelten als Risikofaktoren sowohl für Asthma als auch für COPD. Besonders schon bestehende Erkrankungen werden durch Reizgase und Stäube deutlich verschlechtert. Die Luft im Heilstollen ist frei von diesen Reizstoffen. Besucher mit Atemwegserkrankungen bemerken oft schon bei der ersten Einfahrt, dass sie unter Tage auf einmal viel besser atmen können.

Auch die Freiheit von Pollen entlastet die chronisch entzündete Schleimhaut des Bronchialbaums. Diese Effekte stabilisieren sich bei täglichen Anwendungen über einen Zeitraum von 2 bis 3 Wochen bei vielen Patienten.

Die hohe Luftfeuchtigkeit von 85-100 % trägt wesentlich zur staubfreien Luft bei. Kleine Partikel werden von Feuchtigkeit umschlossen und zu Boden getragen. Das größte Staubvorkommen entsteht während der Therapiezeiten durch die Kleidung und die Schlafsäcke der Teilnehmer. Aber selbst dieser geringe Anstieg des Schwebstaubs ist nach kurzer Zeit durch die hohe Luftfeuchtigkeit wieder normalisiert.

Eine hohe Luftfeuchtigkeit scheint auf den ersten Blick eine Belastung für Lungenkranke zu sein. Das trifft aber bei der niedrigen Temperatur von 8-12° C nicht zu. Wird diese Luft über die Nase eingeatmet, erwärmt sie sich auf etwa 35° C. Als Folge sinkt die relative Feuchte dieser Luft von über 90 % auf unter 25 %. Auch dies entlastet die Atemwege. Die Schleimhäute geben von ihrer Feuchtigkeit an die Atemluft ab und schwellen ab. Dadurch senkt sich der Widerstand in den Atemwegen und die Atmung wird erleichtert.

Der erhöhte Gehalt an Kohlendioxid in der Stollenluft trägt zusätzlich zur Entspannung der Atemwege bei.

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Nach der Ruhephase genießen die Teilnehmer noch eine Tasse Tee.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Heilstollentherapie

Leider gibt es nur wenige wissenschaftliche Arbeiten zur Heilstollentherapie in Deutschland. Eine Promotionsarbeit an der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit dem deutschen Wetterdienst untersuchte die „klimatischen und lufthygienischen Qualitätsstandards für Speläotherapieeinrichtungen“. Auf der Grundlage dieser Arbeit wurden die Standards für die zertifizierten Heilstollen festgelegt.

In einer kontrollierten, randomisierten Interventionsstudie der Universität Ulm wurde anschließend die Wirksamkeit dieser Therapieform an Kindern mit asthmatischen Erkrankungen untersucht. 121 Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren machten bei den Untersuchungen mit. 68 Kinder nahmen täglich für 2 Stunden über einen Zeitraum von 3 Wochen an einem Kindergartenprogramm in einem Heilstollen teil, 53 Kinder wurden mit dem gleichen Kindergartenprogramm über Tage betreut. Die Studie wurde in den Heilstollen in Aalen, Neubulach und Pottenstein durchgeführt. Nach dem Ende der Therapie zeigten sich deutliche signifikante (nachweisbare) Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Der FEV1-Wert (das größtmögliche Ausatmungsvolumen) war bei der Heilstollengruppe um 10 % angestiegen. Bei der anderen Gruppe zeigte sich keine Verbesserung. Aber auch die tatsächlichen Beschwerden gingen merkbar zurück: die Kinder hatten weniger Hustenanfälle, die Anzahl der nächtlichen Hustenanfälle wurde weniger, die Kinder schliefen öfters durch, sie brauchten weniger Inhalationen. Sowohl die Kinder als auch die Eltern berichteten, dass die Belastung durch die Krankheit geringer geworden sei. Alle diese Ergebnisse waren im wissenschaftlichen Sinn nicht durch Zufall zu erklären. Die Forscher fassten die Ergebnisse in einem Satz zusammen: „Offensichtlich reicht den Atemwegen eine tägliche Expositionspause von 2 Stunden – das ist 8,3 % der gesamten Zeit – aus, um sich zu regenerieren.“

Diese Arbeiten waren eine wesentliche Grundlage dafür, dass die Heilstollentherapie im Rahmen von besonderen Vereinbarungen in einzelnen Bundesländern inzwischen auch von gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird.

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen zur Heilstollentherapie bei COPD zwischen 2013 und 2017 in osteuropäischen und asiatischen Ländern zeigten, dass durch den Therapieaufenthalt in Salzheilstollen die Beschwerden wesentlich gelindert werden konnten. Diese Therapiehöhlen haben einen hohen Salzgehalt in der Atemluft, aber die etwas höhere Temperatur, die geringere relative Luftfeuchtigkeit und der Gehalt an Schwebstaub zeigen oft nicht die vom Deutschen Heilstollenverband geforderte Luftqualität. In diesen Untersuchungen wurde auch die Wirkung der Heilstollentherapie unter Tage mit einem Aufenthalt in nachgebauten Salzkammern über Tage verglichen. Während es bei der Therapiegruppe unter Tage zu signifikanten und lange anhaltenden Verbesserungen kam, zeigten die Anwendungen über Tage keine wesentlichen Erleichterungen bei COPD.

Alle diese Untersuchungen bestätigen die therapeutische Wirksamkeit der Heilstollentherapie sowohl in Salzheilstollen als auch in Heilstollen mit definierten Grenzwerten für die Luftqualität.

Gibt es Vorbehalte oder Kontraindikationen?

Wenn sich eine Erkältung anbahnt oder wenn Teilnehmer sehr schnell frieren, sollte mit der Heilstollentherapie langsam begonnen werden: zunächst nur 1 Stunde, nur durch die Nase einatmen, nach einem Tag Pause nochmals eine Therapie. Je nach Befinden kann die Therapie fortgesetzt oder abgebrochen werden.

Der Aufenthalt in den Stollengängen oder in der Therapiehöhle kann bei vorbelasteten Menschen zu Platzangst führen. Und wenn Interessierte an einer instabilen Herzschwäche leiden, sollte von einer Teilnahme an der Heilstollentherapie abgeraten werden. In allen Zweifelsfällen sollte ein mit der Heilstollentherapie vertrauter Arzt zu Rate gezogen werden.

Fazit

Die Heilstollentherapie ist ein klimatherapeutisches Naturheilverfahren. Zertifizierte Therapieeinrichtungen sichern die Qualität der Luft und der Betreuung im Heilstollen. Während die Therapie besonders in Salzheilstollen in Osteuropa ein allgemein anerkanntes und vielfach eingesetztes Naturheilmittel ist, wird die Therapie in Heilstollen in Deutschland noch eher selten als eine Therapiemöglichkeit in Betracht gezogen. Ein Gegenbeispiel ist der Tiefe Stollen in Aalen: Hier unterstützt die AOK in Baden-Württemberg die Therapie großzügig und unkompliziert.

Es ist wünschenswert, dass in Zukunft dieses nebenwirkungsfreie, aber doch sehr wirkungsvolle Naturheilverfahren von Patienten, behandelnden Ärzten und Krankenkassen als eine ernsthafte ergänzende Therapiemöglichkeit angesehen und eingesetzt wird.

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Dr. Joachim Schwarz
Praktischer Arzt, Klassische Naturheilverfahren
Privatärztliche Gemeinschaftspraxis, Dickendorf
Betreuung des Heilstollens Grube Bindeweide in Gebhardshain seit 2012 
www.arztpraxis-live2give.de/


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Deutscher Heilstollenverband

Der Deutsche Heilstollenverband wurde 1990 gegründet. Derzeit gehören ihm zehn Orte in Deutschland an, die Heilstollentherapie in Naturhöhlen oder in ehemaligen Bergwerken anbieten. Diese Heilstollen-Therapie-Zentren sind nach den Qualitätsstandards des Deutschen Heilbäderverbandes e.V. prädikatisiert. So werden besonders die Luftqualität, aber auch die Qualität der Einrichtung und die fachliche Betreuung als Grundlage für die Anerkennung zum zertifizierten Heilstollen herangezogen.

Folgende Therapiezentren haben sich zum Deutschen Heilstollenverband zusammengeschlossen:

Aalen – an der Schwäbischen Alb
Bad Grund – im Harz
Bodenmais – im Bayrischen Wald
Ennepetal – am Rand des Ruhrgebiets
Gebhardshain – im Westerwald
Münstertal – im südlichen Schwarzwald
Neubulach – im nördlichen Schwarzwald
Pottenstein – in der Fränkischen Schweiz
Saalfeld – im Saaletal/Thüringen
Schmiedefeld – im Thüringer Wald

Deutscher Heilstollenverband e.V.
Marktplatz 3, 75387 Neubulach
Telefon: 07053 9695-55, Telefax: 07053 6416
info@deutscher-heilstollenverband.de
www.deutscher-heilstollenverband.de


Lesen Sie auch den Beitrag „Sole und mee(h)r…“
http://patienten-bibliothek.org/sole-und-meehr/

Fotos: Dr. Joachim Schwarz, Dickendorf

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Der Beitrag wurde in der Winterausgabe 2019 der Fachzeitschrift „Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge“ veröffentlicht.

www.Patienten-Bibliothek.de

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