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Bedeutung von Infektionen

Artikel aus der Zeitschrift Patienten-Bibliothek / Atemwege und Lunge – Herbst 2018
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Die Bedeutung von Infektionen

Die kältere Jahreszeit naht und mit ihr eine erhöhte Infektgefährdung. Atemwegsinfekte können bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen zu einer akut auftretenden, plötzlichen Verschlechterung führen. Diese krisenhaften Krankheitsschübe werden als Exazerbationenbezeichnet.

Etwa die Hälfte der akuten Exazerbationen entwickelt sich infektbedingt. Was ist zum Thema Infekte wichtig zu wissen? Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?

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Professor Dr. Martin Witzenrath

Im Gespräch mit Professor Dr. Martin Witzenrath, stellv. Klinikdirektor der Klinik für Infektiologie und Pneumologie der Charité Berlin, erfahren wir mehr.

Was sollten insbesondere Patienten mit einer chronisch obstruktiven Bronchitis (COPD) und/oder einem Lungenemphysem, aber auch Patienten mit anderen chronischen Lungenerkrankungen grundsätzlich über Infektanfälligkeit in Verbindung mit ihrer Erkrankung wissen und beachten?

Die Anfälligkeit für Infektionen ist bei Patienten mit COPD und/oder Lungenemphysem erhöht, aber auch bei Rauchern ohne messbare Lungenfunktionseinschränkung.

Zusätzlich kann die Infektanfälligkeit durch bestimmte Medikamente erhöht werden, zum Beispiel durch Cortison – sowohl inhalatives Cortison als auch Cortison, das systemisch, d.h. auf den ganzen Körper, wirkt und als Tablette verabreicht wird.

Besonders wichtig für Patienten mit COPD ist daher die konsequente Impfung. Zudem lohnt es sich vermutlich, in den Wintermonaten enge geschlossene Räume mit vielen Menschen und hoher viraler Erregerlast, wie beispielsweise öffentliche Nahverkehrsmittel oder Kindergeburtstagsfeiern der Enkel, zu meiden.

Welche Bedeutung kommt viralen und welche bakteriellen Infektionen zu?

Grundsätzlich haben Infektionen bei COPD eine große Relevanz, weil sie die Sequenz (Abfolge) aus Einschränkung der Lungenfunktion, verminderter Belastbarkeit, Dekonditionierung und Verlust an Lebensqualität fördern.

Nach einer infekt-getriggerten Exazerbation (durch einen Infekt ausgelöste akute Verschlechterung) ist es für viele Patienten schwierig, auf das ursprüngliche Belastbarkeitsniveau zurückzukommen. Zudem können Exazerbationen bei schwerer COPD akut lebensbedrohlich werden.

Nicht zuletzt deuten neuere Erkenntnisse darauf hin, dass Infektionen der Lunge kardiovaskuläre Komorbidität, d.h. Herz und Gefäße betreffende Begleiterkrankungen, akut und langfristig negativ beeinflussen und beispielsweise Atherosklerose (Arterienverkalkung) fördern.

Wann kann sich eine Lungenentzündung entwickeln?

Es gibt Erreger, die unmittelbar nach dem Einatmen eine Lungenentzündung verursachen, wie beispielsweise Influenzaviren
oder Legionellen. Andere, wie beispielsweise Pneumokokken, besiedeln über längere Zeit unsere oberen Atemwege und verursachen erst eine Lungenentzündung, wenn unser Immunsystem geschwächt wird. Eine solche Schwächung kann unter anderem durch eine einfache virale Infektion der Atemwege, durch eine Influenzainfektion oder durch Medikamente, wie beispielsweis Cortison hervorgerufen werden.

 


Was sind Legionellen?
Legionellen sind Bakterien, die beim Menschen unterschiedliche Krankheitsbilder verursachen, von grippeartigen Beschwerden bis zu schweren Lungenentzündungen. Sie sind weltweit verbreitete Umweltkeime, die in geringer Anzahl natürlicher Bestandteil von Oberflächengewässern und Grundwasser sind.

Legionellen vermehren sich am besten bei Temperaturen zwischen 25 und 45 °C. Oberhalb von 60 °C werden sie meistens abgetötet und unterhalb von 20 °C vermehren sie sich kaum noch. Besonders in künstlichen Wassersystemen wie Wasserleitungen in Gebäuden finden die Erreger bei entsprechenden Temperaturen gute Wachstumsbedingungen. In Ablagerungen und Belägen des Rohrsystems können sich die Legionellen besonders gut vermehren.

Wie werden Legionellen übertragen?
Die Erreger werden durch zerstäubtes, vernebeltes Wasser übertragen. Die erregerhaltigen Tröpfchen können sich in der Luft verbreiten und eingeatmet werden. Mögliche Ansteckungsquellen sind beispielsweise Duschen, Whirlpools, Luftbefeuchter oder Wasserhähne, ebenso Kühltürme. Eine bedeutende Ansteckungsquelle sind selten gewartete Klimaanlagen. Daneben gibt es viele weitere mögliche Ansteckungsquellen.

Beim Trinken ist eine Ansteckung in seltenen Fällen möglich, wenn Wasser beim Verschlucken versehentlich über die Luftröhre in die Lunge gelangt. Legionellen werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen.

Wie kann ich mich vor Legionellen schützen?
Wichtig ist, die Vermehrung von Legionellen im Leitungssystem der Trinkwasserinstallation zu vermeiden. Für Errichtungen und Wartungen von Trinkwasserinstallationen gelten spezielle technische Regelwerke. Von Großanlagen und öffentlichen Gebäuden sowie Anlagen zu gewerblichen Zwecken werden laut Trinkwasserverordnung regelmäßig Wasserproben untersucht. Wird eine bestimmte Konzentration von Legionellen nachgewiesen, muss dies dem Gesundheitsamt angezeigt werden.

Folgende Sicherheitsmaßnahmen können helfen, um einer massenhaften Vermehrung von Legionellen im Warmwassersystem eines Wohngebäudes vorzubeugen:

• Grundsätzlich sollten die Wasserleitungen regelmäßig genutzt werden und Totstränge im Leitungssystem vermieden werden, damit kein Wasserstillstand in den Leitungen auftritt.
• In einem Haus mit zentraler Wassererwärmung und zentralem Warmwasserspeicher sollte die Reglertemperatur
am Trinkwassererwärmer auf mindestens 60 °C eingestellt sein. Die Wassertemperaturen im Leitungssystem sollten an keiner Stelle Temperaturen unter 55 °C aufweisen.

Quelle: www.infektionsschutz.de, eine Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Hier erhalten Sie auch weitere hilfreiche Hintergrundinformationen zu Infektionskrankheiten, ihre Übertragungswege und Tipps zu vorbeugenden Maßnahmen.

 

Welche Unterscheidungsmerkmale gibt es zwischen der „üblichen“ Symptomatik einer COPD (Husten, Auswurf, Atemnot) und der einer Lungenentzündung?

Schweres Krankheitsgefühl bis hin zur Verwirrtheit, Luftnot, Fieber, vermehrte Husten sind typische Symptome der Lungenentzündung, die aber auch fehlen können.

Deshalb ist die Diagnosestellung nicht immer einfach und sollte stets durch den behandelnden Arzt erfolgen, der ein
Röntgenbild zur Hilfe nehmen kann, das allerdings auch nicht immer ein eindeutiges Ergebnis ermöglicht.

Welche Maßnahmen können COPD-Patienten neben der jährlichen Influenzaimpfung und der Pneumokokkenimpfung
zusätzlich selbst ergreifen, um Infektionen möglichst vorzubeugen?

Besonders wichtig sind für Patienten mit COPD das Beenden des Nikotinkonsums. Zudem lohnt es sich wahrscheinlich,
in den Wintermonaten enge geschlossene Räume mit vielen Menschen zu meiden.

Viele andere angeblich wirksame Maßnahmen, insbesondere viele frei verkäufliche Arzneimittel haben keinen nachgewiesenen Nutzen.

Was raten Sie COPD-Patienten, die bereits einen Infekt der oberen Atemwege mit Schnupfen, Heiserkeit etc. aufweisen?

COPD-Patienten mit einem Infekt der oberen Atemwege sollten wachsam sein, sich schonen und bei deutlicher Verschlechterung ihrer Belastbarkeit oder Luftnot und bei Symptomen einer Pneumonie, wie vermehrter Husten, schweres Krankheitsgefühl, Fieber, ihre Ärztin oder
ihren Arzt aufsuchen.

Gleichzeitig sollte keine Antibiotikatherapie durchgeführt werden, solange kein deutlicher Hinweis auf eine bakterielle Infektion besteht, weil diese mit relevanten Nebenwirkungen assoziiert ist und die Anfälligkeit für bakterielle Infekte nach der Antibiotikatherapie erhöht.

Was sollten Patienten zum Einsatz von Antibiotika und zu Antibiotikaresistenzen wissen?

Antibiotika können eine alternativlose und lebensrettende Therapie darstellen. Sie haben aber potenziell relevante Nebenwirkungen und dürfen deshalb nur eingesetzt werden, wenn sie medizinisch indiziert (angezeigt) sind. Dies ist nur ungefähr in der Hälfte aller Exazerbationen (akuten Verschlechterungen) einer COPD der Fall, fast nie bei Infektionen der oberen Atemwege und nur ganz selten bei Asthmaexazerbationen.

Zudem können viele Antibiotika zu einer Selektion Antibiotikareistenter Stämme bestimmter Bakterien führen, was besonders bitter ist, wenn die Therapie mit dem Antibiotikum nicht indiziert, d.h. medizinisch nicht notwendig und somit nutzlos war.

Für die Entscheidung, wann ein Antibiotikum eingesetzt werden sollte und welches die richtige Wahl darstellt, muss der Arzt die detaillierte Krankengeschichte des individuellen Patienten und seine aktuelle klinische Situation berücksichtigen und ausreichend Fachwissen mitbringen.

Eine zu „schmale“ Therapie kann mit einem Misserfolg einhergehen, während der Einsatz von Reserveantibiotika vermieden werden sollte, damit sie das bleiben, was sie sind, nämlich Reservemittel für diejenigen unglücklichen Patienten, die es mit einem antibiotikaresistenten
Erreger aufnehmen müssen, und das kann jeden von uns eines Tages treffen.

 

 

 

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